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Bad Kissingen

Vom Urlaub bis zum Zeugnis: Diese Rechte haben Auszubildende

Immer nur Akten kopieren? Müssen Azubis das andauernd machen, sollten sie sich beschweren. Sie haben einen Anspruch darauf, das zu erlernen, was ihrem Ausbildungsplan entspricht. FOTO: MONIQUE WÜSTENHAGEN


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Kaffee kochen, Werkshalle kehren, Akten kopieren: So sieht eine gute Lehrzeit nicht aus. Auszubildende haben das Recht, im Betrieb die Inhalte ihres Berufs vermittelt zu bekommen – mit allem, was dazugehört.

Auszubildende haben in ihrer Lehrzeit eine Reihe von Pflichten – aber sie müssen sich an ihrem Arbeitsplatz nicht alles gefallen lassen. In erster Linie sind sie in den Betrieben, um ihren späteren Beruf zu lernen. Das muss ihnen das Unternehmen ermöglichen – und noch einiges mehr. Was Azubis wissen müssen:

- Recht auf einen Arbeitsvertrag: Auszubildende haben Anspruch auf einen Vertrag, in dem genau festgelegt ist, was sie lernen und welche Tätigkeiten der Arbeitgeber von ihnen verlangt. Jeder sollte sich diesen Vertrag vor der Unterschrift gut durchlesen und bei Fragen mit dem Betrieb sprechen. Darin sollten die Dauer der Arbeits- und Probezeit, der Urlaubsanspruch, die Höhe der Vergütung und die Regelungen bei Kündigung festgelegt sein.

- Recht auf Vergütung: Lehrlinge müssen angemessen bezahlt werden, das verlangt das Berufsbildungsgesetz. Im Optimalfall gibt es einen Tarifvertrag, der die Vergütung regelt. Sonst müssen die Firmen nach gängiger Rechtsprechung mindestens 80 Prozent des für die Branche geltenden Tarifniveaus zahlen. Für Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Zuschläge gibt es keine gesetzlichen Grundlagen.

- Recht auf Urlaub: Auszubildende haben ein Recht auf bezahlten Urlaub. «In Bezug auf Jugendliche ist der Gesetzgeber sogar sehr streng», erklärt Senay Okyay, Fachanwältin für Arbeitsrecht. Der Urlaubsanspruch für Minderjährige ist nach Alter gestaffelt. So bekommt ein Jugendlicher, der zu Beginn des Kalenderjahrs noch nicht 16 Jahre alt ist, mindestens 30 Werktage frei, ein 16-Jähriger mindestens 27, ein 17-Jähriger 25 Werktage. Für Azubis ab 18 gilt das Bundesurlaubsgesetz. Sie müssen bei einer Fünf-Tage-Woche wenigstens 20 Tage Urlaub bekommen. Ein weiteres wichtiges Detail findet sich ebenfalls im Gesetz: Den Urlaub soll der Arbeitgeber in der Zeit der Berufsschulferien geben.

- Recht auf faire Arbeitszeiten: Bei Jugendlichen richtet sich die Arbeitszeit nach den Regelungen des Jugendarbeitsschutzgesetzes, bei Volljährigen nach dem Arbeitszeitgesetz. Demnach darf der Arbeitgeber Jugendliche nicht mehr als acht Stunden täglich und nicht mehr als 40 Stunden wöchentlich beschäftigen.

Bei Volljährigen ist die Rechnung etwas komplizierter: Sie dürfen acht Stunden täglich und an sechs Tagen in der Woche arbeiten, also 48 Stunden pro Woche. Die Arbeitszeit kann auf zehn Stunden täglich und 60 Stunden wöchentlich verlängert werden. Dann muss allerdings sichergestellt sein, dass Auszubildende innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden pro Tag arbeiten.

- Recht auf Schule: Die Lehrer in der Berufsschule vermitteln theoretisches Wissen, das die praktische Ausbildung im Betrieb ergänzt. Der Betrieb ist verpflichtet, den Lehrling zum Besuch der Berufsschule anzuhalten und muss ihn für den Unterricht freistellen. «Der Arbeitgeber kann nicht verlangen, dass der Azubi die Berufsschule schwänzt», sagt Anwältin Okyay.

- Recht auf Vermittlung der Ausbildungsinhalte: Azubis dürfen nur die Aufgaben machen, die dem Ausbildungsplan entsprechen und der Lehre dienen. Alle anderen Tätigkeiten darf ein Jugendlicher im Prinzip ablehnen. In der Praxis ergeben sich Grauzonen. Manche Aufgaben scheinen erst einmal mit der Ausbildung nichts zu tun zu haben – gehören aber doch dazu. Wenn allerdings jemand immer nur Kaffee kocht oder die Werkhalle fegen muss, ist das nicht zulässig.

- Recht auf ein Zeugnis: Auszubildende haben einen Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis, das Angaben über Verhalten und Leistungen enthält. Das müssen sie aber einfordern. Das Zeugnis wird erst zum Ende der Ausbildung fällig. Man sollte allerdings auch während der Lernzeit regelmäßiges Feedback vom Ausbilder einfordern und prüfen, ob die Ausbildungsziele erreicht sind. tmn

So kommen Azubis zu ihrem Recht

Bei Problemen sollten Jugendliche zunächst das Gespräch mit dem Ausbilder suchen. Dabei kann es sinnvoll sein, eine Vertrauensperson mitzunehmen. Gibt es eine Jugend- und Auszubildendenvertretung oder einen Betriebsrat, sind die ebenfalls Ansprechpartner. Auch die Gewerkschaften oder die Industrie- und Handelskammern bieten Hilfe, hier gibt es häufig Schlichtungsstellen. Bei nicht mehr anders lösbaren Problemen bleibt nur der Gang zum Arbeitsgericht.

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Passender Ausbildungsberuf

Tontechniker als Traumberuf? Welche Ausbildung zu ihnen passt, finden Schüler (wie hier beim Besuch eines Tonstudios) am ehesten in der Praxis heraus. FOTO: BRITTA PEDERSEN
Tontechniker als Traumberuf? Welche Ausbildung zu ihnen passt, finden Schüler (wie hier beim Besuch eines Tonstudios) am ehesten in der Praxis heraus. FOTO: BRITTA PEDERSEN
Nach dem Schulabschluss steht einem die ganze Welt offen. Das Problem ist nur: Für einen Weg müssen Jugendliche sich entscheiden. Unter das Gefühl grenzenloser Freiheit dürfte sich daher nicht selten etwas mischen, das Peter Stegelmann als «Problem der Handy-Internet- Generation» bezeichnet: Immer häufiger hätten Jugendliche keine Ahnung, wie es nach der Schule weitergehen soll. «Über Ausbildungsmöglichkeiten informieren sich die jungen Leute immer später», sagt der Experte vom Dienstleister EDU-CON, der zum Thema Bildung forscht und berät. «Alles ist kurzlebiger und schneller geworden.»

Um eine passende Lehrstelle zu finden, müssen Jugendliche sich frühzeitig über ihre Wünsche klarwerden. Der erste Schritt ist daher, die eigenen Interessen und Stärken zu analysieren. Danach raten Experten zum Praxistest im Wunschberuf. Nicht immer steckt dahinter, was man sich vorstellt. Ein Jugendlicher braucht in dieser Phase Helfer. Das könnten Eltern, Freunde oder Berufsberater sein. Auch ein Praktikum, ein Schülerjob oder der Besuch von Berufsmessen könnten Aufschluss geben. Es hilft auch, mit Leuten zu reden, die den vermeintlichen Traumjob schon haben. Der Beruf der Erzieherin z.B. besteht nicht nur aus Spielen mit Kindern, sondern auch aus Büroarbeit oder dem Erstellen pädagogischer Konzepte.

Hat Jugendliche nach dem Probetag im Kindergarten die Realität eingeholt, sollten sie das als Schritt nach vorn verstehen. Immerhin haben Jugendliche heute bei der Ausbildungssuche im wahrsten Sinne die Qual der Wahl: Es gibt etwa 360 Ausbildungsberufe. Das Ranking führen Einzelhandelskaufleute an, auf Platz zwei stehen Verkäufer, dann kommen Bürokaufleute.

Dabei steigt die Chance auf die Lehrstelle der Wahl, wenn man sich mit Exoten als Beruf anfreunden kann. So ist etwa der Ausbildungsmarkt des Segelmachers im Vergleich zu dem des Kaufmanns kaum umkämpft. Auch Peter Stegelmann rät, stets die Jobaussichten im Hinterkopf zu haben. «Nicht nur das Herz sollte eine Rolle spielen, auch die Vernunft.» Sein Lieblingsbeispiel ist der Job des Profilers – eines Polizisten, der psychologische Täterprofile erstellt. «Seit dem Erfolg der Fernsehserie CSI will jeder Profiler werden. Faktisch gibt es 20 Stellen in Deutschland beim BKA», gibt Stegelmann zu bedenken. «Manchmal muss man sich von Träumen verabschieden.»

Als Alternative sollten Jugendliche sich nach Berufen umschauen, die ihrem Traumjob ähnlich sind. Dabei sollten sie sich fragen: Warum will ich eigentlich Zimmermann werden? Reizt mich der Umgang mit Holz, oder bin ich einfach gerne auf dem Bau? Dann sei nämlich nicht die Tischlerlehre die richtige Wahl, sondern womöglich eher der Beruf des Maurers oder Glasers. Bessere Chancen hat außerdem, wer regional flexibel ist. Viele Jugendliche sind nicht bereit, ihre Heimatstadt zu verlassen. Grund dafür ist häufig bloß die Angst vor dem Unbekannten. Daher sollten gerade Eltern ihren Kindern Mut zur Luftveränderung machen.

Und was ist zu tun, wenn trotz aller Flexibilität keine Lehrstelle zu bekommen ist? Abwarten hält Stegelmann nicht für sinnvoll – es sei denn, Jugendliche können zwischendurch einen höheren Abschluss wie das Abitur nachholen. Statt sich zu früh etwas anderes zu suchen, kann man auch über Überbrückungsmöglichkeiten nachdenken. Dazu bietet sich etwa ein Freiwilliges Soziales Jahr an.

Sich möglichst viele Wege offenzuhalten, bringt in der Regel aber auch nichts. So halten es die Experten für heikel, sich gleichzeitig etwa als Elektriker, Florist und Kaufmann um eine Lehrstelle zu bewerben und die erste Zusage über die eigene berufliche Zukunft entscheiden zu lassen. tmn