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Kleines Organ mit großer Wirkung: Das Kraftwerk für den Körper

Auch durch Ertasten lässt sich eine krankhafte Veränderung der Schilddrüse erkennen. FOTO: GETTY IMAGES  

Schlafstörungen, Haarausfall, Gewichtszunahme, Müdigkeit und Weinerlichkeit oder aber auch ein zu schneller Pulsschlag, innere Unruhe und Händezittern sind Beschwerden, die Menschen haben, deren Schilddrüse die Hormonproduktion nicht mehr richtig steuert.

Das schmetterlingsförmige Organ, das im Hals vor der Luftröhre und etwas unterhalb des Kehlkopfes sitzt, ist eine Art Kraftwerk für den Körper. Dort werden Hormone gebildet, die für Zellwachstum und Stoffwechsel benötigt werden.

Bei einer Überfunktion ist die Schilddrüse zu aktiv, produziert also zu viele Hormone. „Die Patienten haben oft Durchfall, fühlen sich innerlich getrieben, sind schlaflos und verlieren Gewicht bei gutem Appetit“, schildert Prof. Hans Udo Zieren, Direktor des Deutschen Schilddrüsenzentrums. Hinzu kommt, dass es bei Überfunktion häufiger zum Schwitzen kommt und die Haut feucht wird.

Unspezifische Symptome

Funktioniert das nur maximal 30 Gramm schwere Organ nicht mehr richtig und produziert bei einer Unterfunktion weniger Hormone als der Körper braucht, wirkt sich das ebenfalls auf den gesamten Stoffwechsel aus.

„Es sind häufig sehr unspezifische Symptome“, sagt Markus Quante, Facharzt für innere Medizin und niedergelassener Hausarzt in Münster. „Die Patienten klagen über einen Leistungsabfall und Antriebsarmut, können sich nicht mehr konzentrieren, haben Verstopfung und brüchige Haare oder Fingernägel.“

Bei einer Unterfunktion berichten viele Betroffene zudem von depressionsartigen Verstimmungen, sie brechen scheinbar grundlos in Tränen aus und können sich ihren Zustand nicht erklären.

Immer eine Blutuntersuchung

Wenn extreme Müdigkeit oder emotionale Verstimmung, aber auch Unruhe und Schlafprobleme über mehrere Wochen anhalten und weitere Symptome wie Durchfall oder Verstopfung hinzukommen, sollte man zum Arzt, sagt Quante. Dort könne anhand der Blutwerte abgeklärt werden, ob tatsächlich die Schilddrüse für die Probleme verantwortlich ist – oder vielleicht doch andere Ursachen infrage kommen: zu viel Stress im Job, eine Infektion oder eine Depression.

„Man kann anhand der unspezifischen Beschwerden schon erkennen, dass es schwierig ist, eine Zuordnung zu machen“, sagt der Endokrinologe Prof. Matthias M. Weber. Er ist Leiter des Schwerpunktes Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der Universitätsmedizin Mainz. „Man braucht immer eine Laboruntersuchung.“ Zudem werde die Schilddrüse per Ultraschall überprüft, um Veränderungen in Größe oder Struktur aufzuspüren.

Gibt es bei den Blutwerten bestimmte Auffälligkeiten – einen zu hohen oder zu niedrigen TSH-Wert – sei es absolut notwendig, auch die Werte der Schilddrüsenhormone Triiodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) zu bestimmen, sagt Weber, der auch Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie ist. Wichtig sei das vor allem deshalb, um andere Gründe für die Beschwerden auszuschließen: „Sonst schiebt man zu schnell einfach alles auf die Schilddrüse und übersieht andere Ursachen.“

Häufig müde oder antriebslos? Die Ursache dafür könnte eine Unterfunktion der Schilddrüse sein. FOTO: GETTY IMAGES  
Häufig müde oder antriebslos? Die Ursache dafür könnte eine Unterfunktion der Schilddrüse sein. FOTO: GETTY IMAGES  

Manchmal lange Leidenszeit

Bei Alexandra Burmeister dauerte die Diagnosestellung hingegen mehrere Jahre. Bei der 40-jährigen Hamburgerin wurde die Schilddrüsenunterfunktion erst sehr spät erkannt. Auch bei ihr waren die Symptome unspezifisch: „Anfangs hatte ich vor allem Stimmungsschwankungen, Panikattacken und Ängste.“ Ihr TSH-Wert sei unauffällig gewesen. Es wurde immer schlimmer, Burmeister schlief fast nur noch, konnte nicht mehr arbeiten, ließ sich in eine Psychiatrie einweisen.

Erst sieben Jahre später machte eine Hausärztin einen Ultraschall der Schilddrüse, weil sie den TSH-Wert zwar noch im Normbereich, jedoch recht hoch fand. „Da kam heraus, dass meine Schilddrüse nur noch sechs Millimeter groß war, das ist viel zu klein“, sagt Burmeister. Diagnose: Schilddrüsenunterfunktion, verursacht durch Hashimoto-Thyreoiditis.

„Das ist eine der häufigsten Autoimmunerkrankung beim Menschen überhaupt“, erklärt Prof. Weber. „Dabei wird das Schilddrüsengewebe zerstört und die Schilddrüse inaktiviert – bis zum kompletten Funktionsausfall.“ Die Autoimmunerkrankung ist die Hauptursache, warum das Hormonkraftwerk Schilddrüse seinen Betrieb drosselt oder komplett einstellt.

Weiterer Grund einer Unterfunktion könne zum Beispiel eine Lithiumtherapie bei psychischen Erkrankungen sein, sagt der Münsteraner Arzt Quante. Auch nach Schilddrüsenoperationen etwa wegen Krebserkrankungen müssten die dann nicht mehr durch den Körper selbst produzierten Schilddrüsenhormone ersetzt werden.

Behandlung meist lebenslang

Aber: „Eine Unterfunktion ist gut zu behandeln“, erläutert Quante. „Die Patienten erhalten L-Thyroxin, das die nicht oder zu wenig gebildeten Schilddrüsenhormone in Tablettenform ersetzt.“

Die Behandlung sei „in den allermeisten Fällen“ lebenslang, sagt Weber. „Daher sollte man mit der Diagnose ,Schilddrüsenunterfunktion’ auch sehr genau sein.“ Bei unklaren Laborwerten empfiehlt er Patienten, einen erfahrenen Endokrinologen zurate zu ziehen. Eine tatsächlich diagnostizierte Schilddrüsenunterfunktion müsse jedoch unbedingt behandelt werden, betonen Quante und Weber. Funktioniert das winzige Organ nicht richtig, kann das komplette System zusammenbrechen.

Bei einer Überfunktion müssen laut Joachim Feldkamp, Chefarzt der Klinik für Endokrinologie am Klinikum Bielefeld indes blockierende Medikamente genommen werden. Sonst besteht vor allem die Gefahr von Herz-Vorhofflimmern. Die häufigste Form der Überfunktion sei der Morbus Basedow, so Feldkamp. „Dabei gibt man ein bis anderthalb Jahre diese Tabletten. Damit hat man eine Chance, dass die Krankheit im Laufe der Zeit verschwindet.“ Bei drei von fünf Patienten sei das der Fall, bei den anderen werde das Medikament, von dem bei Dauereinnahme Nebenwirkungen drohen, abgesetzt.

„Diese Patienten bekommen dann eine Radiojodtherapie oder werden operiert“, erläutert Feldkamp, „dadurch wird künstlich eine Unterfunktion erzeugt, die wiederum mit den Schilddrüsenhormon-Tabletten gut zu behandeln ist.“ tmn


Wichtig: Optimale Versorgung mit Jod

Das Spurenelement Jod ist für die Funktion der Schilddrüse und damit für den Stoffwechsel unentbehrlich. Trotz der stärkeren Verwendung von jodiertem Salz seit den 1980er Jahren reicht die Versorgung mit dem Spurenelement über die normale Ernährung oft nicht aus. Die Deutschen nehmen weiterhin zu wenig Jod auf. Darauf weist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hin.

Erwachsene und Jugendliche sollten laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) 180 bis 200 Mikrogramm pro Tag davon aufnehmen, Kinder 100 bis 200 Mikrogramm. Eine Überdosis von mehr als 500 Mikrogramm pro Tag kann hingegen bei empfindlichen Menschen zu einer Schilddrüsen-Erkrankung führen und sollte deshalb vermieden werden.

Vegetarier und Veganer haben ein höheres Risiko, von einer Unterversorgung betroffen zu sein, ebenso Schwangere und Stillende aufgrund ihres erhöhten Bedarfs. Für sie ist es unter Umständen sinnvoll, nach Rücksprache mit dem Arzt Jodtabletten einzunehmen.

Für eine ausreichende Zufuhr wird der tägliche Verzehr von Milch und Milchprodukten empfohlen. Meeresfisch sollte ein bis zwei Mal pro Woche auf dem Speiseplan stehen. Bei Salz sollten Verbraucher stets zu Jodsalz greifen und auch sonst Lebensmittel bevorzugen, die damit hergestellt wurden.

Algenverzehr nicht sinnvoll

Oft wird angenommen, dass auch getrocknete Algen und Seetangprodukte besonders jodreich sind. Doch hier ist Vorsicht geboten, warnt das BfR: Die Jodgehalte schwanken je nach Algenart so stark, dass schon bei geringen Verzehrmengen von einem bis zehn Gramm täglich die maximal tolerierbare Aufnahmemenge von 500 Mikrogramm Jod pro Tag für Erwachsene deutlich überschritten werden kann. Andererseits ist aber auch ein nur verschwindend geringer Jodgehalt möglich, sodass der gezielte Verzehr von Algen keinen Sinn ergebe. tmn

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